Seit wann tauchen Textilien in der Kunst auf ?

Director Markus Brüderlin, Kunstmuseum Wolfsburg, († 16. March 2014) at the exhibition Art & Textiles on 10 October, 2013
Director Markus Brüderlin, Kunstmuseum Wolfsburg, († 16. March 2014) at the exhibition Art & Textiles on 10 October, 2013

Textilkunst war immer ein Schmuddelkind des Kunstbetriebs. Sie war nicht „geistig“ genug, ein Beschäftigungsfeld für Frauen, allenfalls Handwerk, mit zuviel Materiellem belastet und hehrer Ideen unwürdig. Es gab seit Ruskin und Morris, vor und nach dem 1. Weltkrieg Reformbemühungen, die aber von den Gralshütern der Kunst, den akademisch gebildeten Kunstwissenschaftlern, in ihre Wirkung immer wieder klein geredet und geschrieben wurden, als weibliche Gestaltungsbemühungen, als sekundäres Kunsthandwerk oder Phänomene ethnographischer Herkunft.
Das ändert sich scheinbar in letzter Zeit. Textilien tauchen vermehrt als Gegenstände der Kunstreflexion in Museums- und Galerieausstellungen auf, nicht selten kommentiert von Katalogen und Begleitbüchern, die den textilen Aspekten in der Kunst Gerechtigkeit erweisen wollen – mit den Mitteln des konservativen Kunstverständnisses!
Was ist geschehen? Fragt man die Kuratoren solcher Veranstaltungen, so begegnet einem Ratlosigkeit. Die einen sind der „ismen“ des 20. Jh. müde, der Interpretationstorheiten von Fauv-ismus(ab 1905) bis Minimal-ismus (siehe auch Hannu Castrén). Andere glauben, dass die heutige Digitalkünste zu einer Entsinnlichung des Kunstgenusses beigetragen haben und nach sinnlichen Erfahrungen schreien (das Weib als Vermittler!).

Joanne Mattera, eine US-amerikanische Künstlerin und in den frühen 1980er Jahren Schriftführerin der Zeitschrift Fiberarts, sowie eine regelmäßige Besucherin nordamerikanischer und europäischer Kunstmessen (eine der Kuratorinnen der Ausstellung „Textility“) schrieb in der Herbstausgabe des SDA Journals unter dem Titel „Textil, Textil überall (Fiber, Fiber Everywhere), dass sie das Jahr 2009 als den Zeitpunkt empfand, in dem sich das textile Thema als dominant herausstellte. Vor rund fünf Jahren schien sich dieser Modetrend im Kunsthandel durchgesetzt zu haben, dessen Auswüchse und Perversitäten wir in TEXTILFORUM 2/2013 am Beispiel der Jacquard „Tapisserien“ als Objekte eines falsch verstandenen Textilverständnisses beschrieben hatten. Dieses  Missverständnis von textiler Kunst verbreiten derzeit die konservativen Kunstwissenschaftler in allerlei Variationen in ihren Ausstellungen und Druckerzeugnissen.

In jüngerer Zeit wird auch Seth Siegelaub als Verursacher des neuen Trends von Vertretern des Kunstmarkts genannt, der uns seit der zweiter Hälfte der 1990er Jahre als ein bemerkenswerter Händler mit antiquarischer Textilliteratur bekannt ist *). Sein „Centre for Social Research on Old Textiles (CSROT)“ war während der 2009er Ausstellung „Textiles Art and the Social Fabric“ im Antwerpener Museum für zeitgenössische Kunst in Kuratorenkreisen bekannt geworden, sofern er nicht schon aus früherer Zeit bei ihnen als US-amerikanischer Konzeptkunsthändler, -kurator, -autor und -wissenschaftler in Erinnerung war. Siegelaub hatte 2012 seine Textilkollektion unter dem Titel „The Stuff That Matters“ bei Raven Row in London ausgestellt, bevor er 2013 in Basel verstarb.

Die beiden letztgenannten Ausstellungen in Antwerpen und London unter Beteiligung von Seth Siegelaub scheinen den konservativen Kunstkuratoren die Argumente geliefert zu haben, die sie benötigen, um den neuen Trend ideologisch zu begleiten, den ihre Präsentationen als Erzeugnisse ihrer Deutungshoheit über die Kunst für das Bildungsbürgertum nötig haben. Siegelaub als Autodidakt und Querdenker hatte für sich das textile Medium als eine kulturelle Urform menschlichen Lebens erkannt **), was die Gralshüter ihrer Religion, der Kunst, nun wieder zu einer Glaubensformel erstarren lassen. Das Ende dieser Mode ist abzusehen.

Anmerkungen
*) TEXTILFORUM 4/1998 “ Zwei bemerkenswerte Textilbibliographen“, S.28
**) Bibliogaphica Textilia Historiae

One Reply to “Seit wann tauchen Textilien in der Kunst auf ?”

  1. Ich bin froh, auf der Suche nach Informationen über die Kulturgeschichte des Textilhandwerks auf diese Seite gestoßen zu sein.
    Diesen Standpunkt können wir voll und ganz unterstützen. Wir waren entsetzt, als im Fernsehen einer der bewussten Jacqardteppiche präsentiert wurde.
    Neben der Weberei widme ich mich der Kulturgeschichte des Textilhandwerks, bezogen vor allem auf die Sprachgeschichte und auf die Volkskunde. Ich stoße dabei immer wieder auf Unverständnis und Nichtwissen, vor allem auch bei Menschen, die es wissen müssten. Woran das liegt? Eine Ursache ist die frühe Industrialisierung verbunden mit der Globalisierung, so dass textile Fasern und Produkte so billig sind wie noch nie. Die Fertigkeiten der Hand, das Bewusstsein für Qualität, die gestalterischen Fähigkeiten werden nicht mehr gebraucht und also auch nicht mehr ausgebildet. Man muss sogar aufpassen, dass man richtig zitiert wird!

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