Tapestry Talking – Die Sprache handgewebter Kunst verstehen
Micala Sidore, Schiffer Craft, 2026, 256 Seiten, 326 Werke in Farbe, Preis: 49,99 US-Dollar
Micala Sidore wurde von 1984 bis 1987 an der Manufacture Nationale des Gobelins in Paris in der Bildweberei ausgebildet. In Northampton, Massachusetts, betreibt sie ihr eigenes Hawley Street Tapestry Studio, wo sie ihre Entwürfe entwickelt, Tapisserien webt und Workshops gibt. Sie spricht vier Sprachen, reist viel, schreibt Bücher und Artikel und hält Vorträge und Kurse in Nordamerika, Europa, Australien und Neuseeland. Ihre eigenen Arbeiten wurden in Nordamerika, Australien und Polen ausgestellt und befinden sich in Museums- und Privatsammlungen.
Ihr erstes Buch, The Art Is the Cloth: How to Look at and Understand Tapestries, beschäftigte sich mit Tapisserien vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer Eigenschaft als textile Gewebe. Dieses zweite Buch verfolgt einen anderen Ansatz. Wieder ist es weder ein „How-to“-Buch noch ein Coffee-Table-Book. Vielmehr richtet es sich sowohl an Bildweberinnen und Bildweber, denen es Anregungen geben möchte, als auch an alle, die diese Kunstform besser verstehen wollen – erklärt von einer wirklichen Kennerin.
Micala Sidores Blick ist ausgesprochen international. Dank ihrer Sprachkenntnisse, ihrer vielen Reisen und ihrer guten Kontakte kennt sie wohl fast alle Bildweberinnen und Bildweber, die irgendwo auf der Welt mit ihren Arbeiten hervorgetreten sind. Als wir Textile Forum herausgaben, gehörte sie zu den Künstlerinnen, die ich jederzeit um Informationen bitten konnte. Persönlich kenne ich sie seit dem Melbourne Tapestry Symposium 1988, wo wir uns anfreundeten.
Mit ihrem neuen Buch möchte sie die Leserinnen und Leser dazu einladen, zu entdecken, was es in handgewebten Tapisserien eigentlich zu sehen gibt. Dabei geht sie weit über die formale Definition der Tapisserie als „flach, wandbezogen und ohne Perspektive“ hinaus. Sie möchte zeigen, welch enorme Vielfalt an Möglichkeiten diese Kunstform bietet, die Fantasie anregen und Hinweise geben, die das Sehen und Erleben vertiefen und bereichern.
Dafür wählt sie 13 unterschiedliche Themen: von Yarn (Garn) und Woad (Waid/Farbe) über Warp, Weft, Seed, Sett bis zu Line, Slit, Grid, Size, Mark, Time und Text.
Von den mehr als 280 Künstlerinnen und Künstlern, die in diesem Buch vorgestellt werden, kannte ich selbst mehr als die Hälfte entweder persönlich oder durch Ausstellungen wie Artapestry des European Tapestry Network, die ungarischen Triennalen, die Łódź-Triennale sowie skandinavische und baltische Ausstellungen. Viele meiner bevorzugten Bildweberinnen und Bildweber sind darunter – aber auch Überraschungen.
Das Buch beginnt zum Beispiel mit einer Arbeit von Diedrick Brackens, einem jungen schwarzen amerikanischen Weber, dessen Werk ich erstmals auf der Biennale in Venedig sah. Sidore spricht hier über Baumwolle, das Material, das Brackens verwendet, und zugleich über deren historische Verbindung mit der Geschichte der Sklaverei. Andere Künstler, die mit ungewöhnlichen Garnen und Materialien arbeiten, sind Inka Kivalo, die Goldfäden verwendet, und Włodzimierz Cygan mit seinen Lichtleitfasern.
Das Kapitel Woad beschäftigt sich mit Farbe. Hier wird unter anderem D.Y. Begay vorgestellt, eine indigene nordamerikanische Weberin, die 1999 als Referentin zu unserer ETN-Konferenz in Rovaniemi eingeladen war.
Im Kapitel Weft findet sich eine wunderschöne Arbeit von Anni Albers, ebenso Werke von Aino Kajaniemi und Feliksas Jakubauskas, zwei weiteren von mir sehr geschätzten Künstlern. Etwas ungewöhnlich ist, dass gelegentlich auch historische Tapisserien einbezogen werden, etwa wenn die Verwendung von Goldfäden erläutert wird.
Dass Aino Kajaniemi aus Finnland stammt und weiterhin künstlerisch tätig ist, während Feliksas Jakubauskas aus Litauen kam und leider bereits verstorben ist, erfährt man im Buch nicht. Das finde ich schade. Einige zusätzliche biografische Angaben zu den Künstlerinnen und Künstlern wären für Leserinnen und Leser, die sie noch nicht kennen, hilfreich gewesen.
Unter der Überschrift Seed erwähnt Sidore Kay Lawrence aus Australien, Beate Hauser aus Ungarn und Lise Frölundaus Dänemark. Frölund ist die einzige Jacquardweberin, die ich im Buch finden konnte; da ihre Arbeiten jedoch handgewebte Unikate sind, passt ihre Aufnahme meiner Ansicht nach sehr gut.
Die längste Reihe von Künstlerinnen und Künstlern findet sich im Kapitel Line: Johanna Schütz-Wolff und Gunta Stölzl aus Deutschland und der Bauhauszeit, Silvia Heyden aus den USA, Joan Baxter aus Großbritannien, Solveig Aalberg aus Norwegen, Peter Harris aus Kanada, Ewa Latkowska aus Polen und Rózsa Polgár aus Ungarn.
Im Kapitel Slit zeigt Sidore Arbeiten von Thomas Cronenberg aus Deutschland und Barbara Heller aus Kanada. Ich nenne hier übrigens nur diejenigen, deren Werk ich selbst sehr gut kenne.
Unter Grid begegnen uns Noémi Ferenczy aus Ungarn und Margrethe Agger aus Dänemark. Beim Thema Size erscheint Archie Brennan mit seinen berühmten sehr kleinen Tapisserien. Mark beschäftigt sich unter anderem mit den Zeichen, die Weberinnen und Weber als eine Art eingewebte Signatur in ihren Tapisserien verwenden.
Unter Time werden Arbeiten von Micala Sidore selbst sowie von Peter Horn aus Deutschland gezeigt. Und schließlich finden sich im Kapitel Text Tapisserien von Anet Brusgaard aus Dänemark, Ariadne Donner aus Finnland, der jungen amerikanischen Künstlerin Erin M. Riley, Máximo Laura aus Peru und erneut Archie Brennan.
Beim Betrachten all dieser unterschiedlichen Ansätze wird einem bewusst, wie vielfältig diese Kunstform ist. Tapisserie wurde interessanterweise auch in Zeiten als „Kunst“ betrachtet, in denen textile Arbeiten allgemein eher dem Kunsthandwerk zugerechnet wurden. Als Künstler galten allerdings meist diejenigen, die die Tapisserien entwarfen, nicht diejenigen, die sie ausführten.
Seit den Lausanner Biennalen änderte sich dies grundlegend. Polnische Künstlerinnen und Künstler im Umfeld von Magdalena Abakanowicz, gemeinsam mit amerikanischen und japanischen Textilkünstlern, trugen wesentlich dazu bei, die Trennung zwischen Entwurf und Ausführung aufzubrechen und die Bildweberei als eigenständige künstlerische Praxis sichtbar zu machen.
Wer genauer hinschauen möchte, erfährt in diesem Buch viel darüber, wie diese Künstlerinnen und Künstler arbeiten. Micala Sidore verwendet nur so viel Text, wie nötig ist, um die beabsichtigten Wirkungen und Zusammenhänge zu erklären; zahlreiche Abbildungen zeigen die Ergebnisse.
Es ist auf jeder Seite spürbar, dass die Autorin ihr Gebiet nicht nur hervorragend kennt, sondern ihm mit großer Leidenschaft verbunden ist. Sie stellt Fragen wie: Welche Wirkungen lassen sich mit unterschiedlichen Techniken erzielen? Wie können diese Techniken miteinander verbunden werden? Welche Themen inspirieren die Bildweberinnen und Bildweber von heute? Welche Themen behandelten historische Tapisserien? Und auf welche Weise kann ein Kunstwerk funktionieren, das aus Garn aufgebaut ist?
Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. Ich kann nur sagen: Bildweberinnen und Bildweber – aber ebenso alle, die selbst nicht weben und sich für die Kunst der Tapisserie interessieren – sollten dieses Buch nicht verpassen.








