Hannah Ryggen- Gewebte Manifeste

Hannah Ryggen:“Wir leben auf einem Stern“ 1955, Tapisserie hergestellt als großen öffentlichen Auftrag für das Regierungshochhaus in Oslo. Das Werk zieht ein Fazit für Riggend grundlegenden Fragen: Wie geht der Mensch mit Zeit und Liebe um und welche Rolle sollte die Kunst in unseren Beziehungen anderen und zur Welt spielen? Das unbekleidete Paar symbolisiert die ständige Erneuerung des Lebens; die stetig brennendere Flamme steht für die Liebe und das ewige Blau für die Zeit, die vereint und trennt. Bis 22 Juli hing der Tapisserie im Eingangsbereich des Regierungshochhauses: An dem Tag zündete der rechtsextremistischen Terroris Anders Behring Breivik eine Autobombe vor dem Gebäude, bevor er auf der Insel Utøya 69 Teilnehmer eines Sommerlagers der sozialdemokratischen Jugendorganisation erschoss Bei der Explosion wurde die untere rechte Ecke des Wandteppichs beschädigt und anschlie0ßend restauriert, eine Narbe aber bleibt. photo Beatrijs Sterk

Hannah Ryggen – Gewebte Manifeste
Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt vom 26. September 2019 bis  12. Januar 2020
Anläßlich der Frankfurter Buchmesse mit Norwegen als Gastland zeigte die Kunsthalle Schirn erstmals eine umfassende Ausstellung dieser schwedisch-norwegischen Künstlerin (1894 -1970), die in Malmö als Hannah Jönsson geboren wurde. Bereits auf der Documenta 2012 waren mehrere ihrer Teppiche zu sehen – eine Ehre, die nur wenigen Künstlern zuteil wird, und noch seltener einer Webkünstlerin!

Hannah Ryggen war als Malerin ausgebildet, gab das Medium aber zugunsten großformatiger figurativer Tapisserien ab 1923 auf.
Trotz ihrer Vorbildung malte sie niemals Kartons für ihre Tapisserien, sondern wob sie immer ohne Karton. In den 50er und 60er Jahren genoss sie große Bekanntheit in Skandinavien, sowohl in Norwegen, wo sie wegen ihres Mannes, dem Maler Hans Ryggen, 1924 hingezogen war, wie auch in ganz Skandinavien. Nach ihrem Tod 1970 wurde sie dann jedoch mehr und mehr dem Kunsthandwerk zugeordnet, was weder ihrem Selbstverständnis noch der kunsthistorischen Bedeutung ihres Schaffens gerecht wird.

Das Weben erlaubte ihr in die Arena der Monumentalmalerei einzutreten und sich von der damals vorherrschenden herablassenden Betrachtung weiblicher Malerei zu befreien. Sie wollte die Freiheit haben, jedes Thema zu behandeln, auch politische Themen, die ihr sehr am Herzen lagen. Eine ihrer Tapisserien, ausgestellt im norwegischen Pavillion der Pariser Weltausstellung 1937,  unterlag sogar der Zensur: in „Etiopia“ (1935) prangerte sie die Besetzung Äthiopiens an doch der Teil des Teppichs, der zeigt wie Mussolinis Kopf  von einem äthiopischen Krieger durchbohrt wird, wurde eingerollt. Die Organisatoren fürchteten, die italienische Staatsmacht zu beleidigen!

Hannah Ryggen: „Etiopia“,1935, 380 x 160 cm tapestry, partly knotted, wool and linnen ; photo Beatrijs Sterk

Hannah Ryggen zeigte grundlegende Themen des Menschseins und des Lebens in der Gesellschaft: die Gräuel des Krieges, den Missbrauch von Macht, die Abhängigkeit von der Natur und die Verbindungen zur Familie und Mitmenschen. Viele ihrer Arbeiten befassen sich mit den Ereignissen und politischen Auseinandersetzungen im Europa der 30er und 40er  Jahre und spiegeln zugleich die sozialistische Überzeugung der Künstlerin wider. Von ihrem kleinen Bauernhof an der Westküste Norwegens, wo sie selbst Schafe züchtete und ihre Farben aus Pflanzen herstellte, meldete sie sich zu Wort – auch nach dem zweiten Weltkrieg, zu Themen wie der deutschen Wiederbewaffnung, der atomaren Aufrüstung oder des Vietnamkriegs. In unserer Gegenwart, die von zunehmender Ungleichheit, Nationalismus und Populismus geprägt ist, erscheint ihre kompromisslose Arbeit sehr aktuell und wird von den Ausstellungsmachern als ein Aufruf gesehen, sich für die Prinzipien des Humanismus einzusetzen.

Hannah Ryggen wird erst in den letzten Jahren richtig international anerkannt. Nach der Documenta in Kassel 2012  wurden ihre Arbeiten 2015 im Nationalmuseum Oslo ausgestellt, anschliessend 2015/2016 im Museum für Zeitgenössische Kunst in Malmö, dann von 2017 bis Februar 2018  im Modern Art Oxford und schließlich in der hier beschriebenen Frankfurter Übersichtsausstellung. Nach der Wiederentdeckung von Anni Albers ist dies eines der positiven Ergebnisse bei der Wiederentdeckung von Textil in der Kunst und des Textilen im Allgemeinen.

 

View at the exhibition „Hannah Ryggen- Woven Manifesto“ with visitor in front of “ We Are Living On a Star“; photo Beatrijs Sterk

Hannah Ryggen: „6th October 1942“, 419,5 x 175 cm, 1943, tapestry, wool and linen; photo Beatrijs Sterk
Hannah Ryggen: „6th October 1942“, detail, 419,5 x 175 cm, 1943, tapestry wool and linen;Ryggen depicts here the execution theater director Henry Gleditsch, lying in the arms of his wife with a Serbian prisoner war behind them; photo Beatrijs Sterk
Hannah Ryggen:“ Liselotte Herrmann decapitated“, 1938, 154 x 187 cm, tapestry, wool and linen; the communist resistance fighter Liselotte Herrmann triggered a protest campaign throughout Europe, but was unsuccessful in preventing her murder in 1938. Hannah Ryggen dedicated this tapestry to her remembrance; photo Beatrijs Sterk
View at the exhibition „Hannah Ryggen- Woven Manifesto“ with “ Liselotte Herrmann decapitated“ to the right; photo Beatrijs Sterk
Hannah Ryggen: „Grini“ , 1945, 168,5 x 191,5 cm, Tapestry , wool and linen. This tapestry shows her husband, imprissonned at that time by the Nazi´s and her daughter Mona coming to rescue on her horse; photo Beatrijs Sterk
Hannah Ryggen: „Mother´s Heart“ ,186 x 190 cm,1947, tapestry, wool and linen. This tapestry is dedicated to the topic of the mother-daughter relationship, with which Hannah Ryggen was pre-occupied for a long time. Feminism enabled comparable motifs to be included in art more than two decades later; photo Beatrijs Sterk
Hannah Ryggen:“Life Slides By“, 185 x 190 cm, 1939, tapestry , wool and linen; Ryggen wove Life Slides By as a tribute to Gaugin, having read his travelogue Not Not (1901) from his first visit to Tahiti in 1891.Ryggen admired Gaugin for seizing the opportunity to break free from the monotony of of routine; photo Beatrijs Sterk
Hannah Ryggen:“ Jul Kvale“, 1965, 190 x 200cm; Tapestry, wool and linen, the communist Jule Kvale opposed openly the NATO´s nuclear armament; photo Beatrijs Sterk
Hannah Ryggen: „Homely Gods“, 192 x 92 cm, 1951, tapestry, wool and linen. This tapestry is a satirical comment on the art scenes fixation on a few established (mostly male) individuals; photo Beatrijs Sterk
Hannah Ryggen: „Atomsen (Mr Atom)“,190 x 170 cm, 1951; tapestry, wool and linen; Mr Atom is a warning against the fantasies of omnipotence associated with the possession of atomic weapons; photo Beatrijs Sterk
Hannah Ryggen:“Blood in the Grass“, 290 x 240 cm,1966, tapestry, partly knotted, wool with linen. Ryggen was seventy-two years old when she made Blood in the Grass, a shockingly vital protest against the war in Vietnam; photo Beatrijs Sterk
View at the exhibition „Hannah Ryggen- Woven Manifesto“ with „6th October 1942“ to the right
View at the exhibition „Hannah Ryggen- Woven Manifesto“
View at the exhibition „Hannah Ryggen- Woven Manifesto“ with „Jule Kvale“ to the right; photo Beatrijs Sterk
View at the exhibition „Hannah Ryggen- Woven Manifesto“ with “ Liselotte Herrmann decapitated“ to the right; photo Beatrijs Sterk
View at the exhibition „Hannah Ryggen- Woven Manifesto“ with visitor in front of „Life Slides By“; photo Beatrijs Sterk