Henry van de Velde, Band II, Textilien

Henry van de Velde: The Angel´s Watch, detail, 1892/93; embroidered wallhanging
Henry van de Velde: The Angel´s Watch, detail, 1892/93; embroidered wallhanging

Anlässlich des 150. Geburtstages von Henry van de Velde (1863-1957) wird derzeit ein Werkverzeichnis in 6 Bänden, herausgegeben von Thomas Föhl und Antje Neumann der Klassikstiftung Weimar, in deutscher und englischer Sprache bearbeitet. Erschienen sind die ersten beiden Bände, die restlichen sind in Vorbereitung, über Metallkunst, Keramik & Porzellan, Möbel und Raumkunst. Der Band über Textilien mit 460 Seiten, davon rd. 60 Seiten Quellennachweise, enthält zahlreiches Illustrationsmaterial und 10 Textbeiträge (ISBN 978-3-86502-230-1). Insgesamt wurden über 1.000 Textilien ausgewertet.
Die Herausgabe dieses Werkverzeichnisses, wenn es in Umfang und Bearbeitung der des Bandes über Textilien entspricht, ist beispielhaft und gilt einem der profiliertesten Gestalter des europäischen Jugendstils. Es war in einer Zeit beginnender Reformen in der Textilgestaltung, die seit William Morris in England erste Erfolge gefeiert hatte und mit dem Aufkommen gesamtkünstlerischer Bemühungen in Architektur, Innendekoration und dem Kunsthandwerk im Jugendstil auch auf dem europäischen Kontinent an Aufmerksamkeit gewann. In jener Zeit debütierte auch Jean Lurçat bei Victor Prouvé in Nancy.
Das Buch ‚Textilien‘ macht mit einem Beitrag über van de Veldes Damen- und Kinderbekleidung auf, die er schon – zusammen mit seiner Frau Maria – in Belgien zu entwerfen begonnen hatte. Kurz nach der Jahrhundertwende beauftragte ihn der sächsische Großherzog Wilhelm Ernst, sich um die Produktkultur der Handwerksbetriebe und der Industrie im Lande zu kümmern. Zwischen 1904 und 1911 erstellte van de Velde die im Jugendstil errichteten Gebäude der Kunstgewerbeschule Weimar, deren Direktor er bis 1915 war. Henry van de Velde wurde 1907 zusammen mit Hermann Muthesius und dem Politiker Friedrich Naumann Mitbegründer des Deutschen Werkbunds. In dieser Zeit entwarf er seine Reformkleider, die im Buch ausführlichen Raum einnehmen.
Im Kapitel ‚Raumtextilien‘ werden Wandbehänge, Dekorationsstoffe und Gebrauchstextilien, sowie Teppiche und Fußbodenbeläge abgehandelt. Unter den Wandbehängen wird der in Stickerei ausgeführten Arbeit „Die Engelswache“, die schon zwischen 1892/93 in Belgien entstanden war, große Aufmerksamkeit gewidmet, die später zu einem Sinnbild des Jugendstils avancierte. Der Architekt und Künstler wollte bei seiner Arbeit an diesem Bild die kunsthandwerkliche Ausführung hervorheben, um seinem Werk mehr Körperlichkeit zu geben, ganz im Gegensatz zu heutigem Kunstverständnis, das die ‚geistige‘ Präsenz eines Bildes betont sehen möchte und weniger seine materiale Gegenständlichkeit.
Van de Velde entwarf eine Vielzahl Dekorationsstoffe für Polstermöbel und Wandbespannungen in sehr zurückhaltendem Stil, sodass er als Vater des gegenstandslosen Flächenmusters galt. Einmal beauftragte er die Nordschleswiger Kunstweberei Scherrebek für die Bespannung von Polsterstühlen.
Neben weiteren Ausführungen über fragliche Zuordnungen von textilen Objekten zum Gesamtwerkverzeichnis enthält das Buch noch einen interessanten Beitrag zu Henry van de Veldes Batikarbeiten von der in Australien beheimateten polnischen Kulturanthropologin Dr. Maria Wrońska-Friend. Der Gestalter war 1894 während seiner Hochzeitsreise nach Holland mit dieser javanischen Textiltechnik bekannt geworden und hatte sie während seiner Zeit seit 1902 in Weimar weiterhin praktiziert. Japanische, indonesische und andere ostasiatische Kunsttechniken waren zu jener Zeit sehr beliebt und wurden bei Hauseinrichtungen immer wieder verwendet. Die Impulse kamen hauptsächlich von niederländischen Künstlern, die allerdings die handwerkliche Ausführung bevorzugten. Van de Velde hingegen war davon überzeugt, dass Kunst, Handwerk und Industrie gleichberechtigt nebeneinander existieren sollten. Er vergab Batikarbeiten an Textilmanufakturen in Holland, England und in die Schweiz. Seine Bemühungen Batik als Lehrfach in seiner Kunstgewerbeschule in Weimar zu etablieren, scheiterten jedoch aus organisatorischen Gründen. Sein persönliches Umfeld (Atelier und Privaträume) enthielt jedoch immer javanische und europäische Batikarbeiten.
Van de Veldes Zeit in Weimar endete mit der kriegsbedingten Schließung seiner Kunstgewerbeschule, auf deren geistigem Fundament 1919 das Bauhaus Weimar vom Architekten Gropius gegründet wurde.
Die Ausstellung ‚Interieurs‘ mit Arbeiten von Henry van de Velde ist zurzeit noch (bis 1.6.2014) im Schweizer Museum Bellerive zu sehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.