Das Gestaltungsfeld Textil und die „Kunst“

leonardo da Vinci :The Vetruvian man, c.1490
leonardo da Vinci :The Vetruvian man, c.1490

In den letzten rd. fünf Jahren tauchen immer häufiger Textilien in Kunstausstellungen auf und werden dort recht eindimensional von Kuratoren und Kunstwissenschaftlern kommentiert, u. a. als Einflussfaktoren auf die Kunstentwicklung, als Textilkunst oder textile Künste.
Es ist nicht erstaunlich, das mit dem textilen Medium auch kunstvoll umgegangen wird, mit den Materialien, Techniken und ihren Ausformungen sowie bildlichen Inhalten. Das betrifft aber alle Medien im Bereich sinnlicher Wahrnehmung, nur dass die ‚Kunst‘ die Materialität und ihre Bearbeitung als sekundär wertet.
Kaum jemand reflektiert heute noch die Herkunft des Kunstbegriffs, seinen Fassettenreichtum und seine Unbestimmtheit. ‚Kunst‘ wurde im Verlaufe der Geschichte zum Religionsersatz, mit der Aura des Göttlichen, mit säkularen Hohepriestern, die sich eifersüchtig um ihre Deutungshoheit sorgen.
In einer Zeit tiefgreifender Glaubenskrisen nach den mittelalterlichen religiösen Gottesgewissheiten und der Rückbesinnung auf die Denkschulen der griechischen und römischen Antike in der Renaissance hob man die Existenz der Künstler aus der Sphäre der artes mechanicae in diejenige der artes liberales. Marsilio Ficino (1433 – 1499), ein einflussreicher Humanist und Philosoph, später auch Priester, war einer der Kunstideologen jener Zeit. Das Ziel der Seele (des Künstlers) bestand nach Ficinos Überzeugung darin, in den geistigen Bereich aufzusteigen und letztlich göttlich zu werden. Nachdem die Reformatoren danach dem Menschen autonome Willensfreiheit zugesprochen hatten, ging die Inquinition im Gegenzug davon aus, dass die Seele über der Körperlichkeit des Menschen stehe und also zu ihrer Rettung vor dem Sünder zu bewahren sei. In dieser fatalen Dualität von Seele und Körper, die der Trennung vom Bild (der Botschaft) und seinem Träger (seiner Materialität) in der Kunst entspricht, behandeln bis heute die Kunstwissenschaftler ihren Gegenstand: Material und Technik sind sekundär, was zählt ist das Bild!
Im Verlaufe der Kunstgeschichte der Neuzeit wurde die Tradierung der Machart eines Bildes stark vernachlässigt, zugunsten der Deutung seines Inhalts. Große Bestandteile seiner sinnlichen Substanz wurden ignoriert, sodass mehrdimensional betrachtende Leute Schwierigkeiten haben, Kenntnis von der Vollständigkeit eines Werkes zu erlangen: „Es ist eine relativ junge Erkenntnis, dass nur die Kombination kunsthistorischer, werkstoffgeschichtlicher und werkstoffkundlicher Betrachtung ein dergestalt komplettes Bild eines Kunstwerks zu liefern vermag, dass es in seinem historischen Zusammenhang als verstanden gelten kann.“*)
Der an textiler Kunst interessierte Besucher von Kunstausstellungen mit textilen Objekten empfindet in den heutigen Kunsttempeln diese Gegenstände seiner Aufmerksamkeit als deplatziert, nur halb verstanden präsentiert und unzureichend kommentiert. Die Mode der letzten fünf Jahre, Textil in Kunstausstellungen einzuführen, dient den textilen Künsten nur nicht, sondern missleitet den Betrachter in einen Kult, dem textilen Gestaltungen eigentlich widersprechen, da sie in ihrer Ganzheitlichkeit wahrgenommen werden wollen.
Anmerkung
*) Stefan Wülfert in 4. Riggisberger Berichte 1996, Artikel ‚Materialbezogene Untersuchung an vier Tüchleinmalereien‘, S. 159
Hinweise
Die Zeitschrift TEXTILFORUM hatte mehrfach den Aspekt ‚Textile Künste‘ aufgegriffen, u. a. in
TF 1/1990 Themenheft ‚Textilkunst‘
TF 3/1993 Zur Genesis des Kunstbegriffs, Jean Gimpel
TF 3/1996 Themenheft ‚Kunstvandalismus‘, u. a. Tüchleinmalereien
TF 3/2012 Themenheft ‚Textilkunstperspektiven‘
TF 2/2013 Themenheft ‚Digitale Bildgewebe‘
Diese Hefte sind beziehbar!