Artapestry 5

View at Artapestry5 in the Art Centre Silkeborg Bad, Silkeborg, Denmark

Am Samstag, den 6. Januar 2018, fand im Kunstzentrum Silkeborg Bad, einem ehemaligen Kurort an einem schönen See im dänischen Ort Silkeborg, in Jütland unweit von Aarhus die Eröffnung der fünften Ausstellung des European Tapestry Forums statt.

In dem ländlichen Ort mit 90.000 Einwohnern erwartet man keinen grosszügigen Ausstellungsort mit internationalem Flair, wie es das Kunstzentrum tatsächlich ist. Die von der internationalen Jury ausgewählten 40 Arbeiten von 38 Künstlern – nach den Anforderungen der Ausschreibung größer als 1,20 x 1,20 m – hatten den nötigen Platz, um sich zu entfalten. Die etwa 15 anwesenden Künstler, die teilweise eine lange Anreise auf sich genommen hatten, waren vom Ergebnis sichtlich beeindruckt und zufrieden. Für den Betrachter bot die Ausstellung eine gute Übersicht über das, was die moderne europäische Bildweberei heute hervorbringt. Auffällig war vor allem die Vielfalt der Arbeiten, die von der sehr schönen alten Gobelin-Technik über freiere Formen der Bildweberei bis zur Jacquardweberei reichten. Die Frage, bis wohin die Definition „Tapisserie“ reiche, hatte das ETF Steering Committee pragmatisch gelöst: Es akzeptierte zum Beispiel Jacquard-Bildgewebe, wollte jedoch nicht mehr als zehn Prozent ‚verwandte Techniken‘ in den Artapestry-Ausstellungen zeigen. Die genauen Teilnahmebedingungen kann man nachlesen auf der ETF-Website: https://www.tapestry.dk/call-entries-artapestry5/n

Aus meinen eigenen Erfahrungen im Sekretariat des Europäischen Netzwerks für Textil weiß ich wie schwierig es ist, Europa einheitlich zu vertreten. Die Tapisserieweber aus Ländern mit einer reichen Tapisserie-Tradition, wie etwa Großbritannien, Frankreich und Belgien, neigen dazu unter sich zu bleiben und eigene Ausstellungsgruppen zu bilden. Da es jetzt aber immer weniger solche Gruppen gibt (z.B. besteht die belgische Gruppe ‚Domaine de la Lice‘ nicht mehr), wird es immer wichtiger, sich auf europäischer Ebene zusammen zu tun. Zu Unrecht wird die ETF manchmal als eine dänische Angelegenheit angesehen, denn man gibt sich hier die größte Mühe, alle Länder Europas mit einzubeziehen: Die Jury bestand diesmal aus drei Personen, von denen zwei aus ost-europäischen Ländern stammten – Velta Raudzepa, Kuratorin des Museums für Angewandte Kunst und Design in Riga, und Lidia Choczaj, Leiterin der Textilabteilung der Akademie für Kunst und Design in Lodz/Polen. Das dritte Jurymitglied war übrigens die Gewinnerin der Ausschreibung Artapestry 4, Linda Green, Textilkünstlerin aus Schottland. Diese Wahl der Jury hatte eine größere Anzahl von Teilnehmern aus Polen (5) zur Folge, leider diesmal nicht aus Lettland mit seiner großartigen Tapisserie-Tradition. Auch Russland, das nach der Ausschreibungsdefinition unter Europa fällt, zeigte keine seiner wunderbaren Tapisserien. Am meisten habe ich mich gewundert, dass Ungarn hier nicht vertreten war, obwohl doch die Kontakte dorthin sehr gut sind und die Tapisserie-Tradition groß. Vielleicht sollte man noch betonen, dass die Teilnahmegebühr von 40 Euro für eine von den Künstlern selbst organisierte Veranstaltung, wirklich nicht teuer ist.

Auch kann es für die Zukunft hilfreich sein, dass Artapestry 5 diesmal auch an Austellungsorten im ehemaligen Osten Europas gezeigt wird: Im Mark Rothko Art Centre in Daugavpils/Lettland sowie im Kunstmuseum von Arad in Rumänien. Nach Dänemark wird die Ausstellung als nächstes im Kulturzentrum Ronneby in Schweden zu sehen sein.

Paweł Kiełpiński, Poland:“Steel“, 300 x 240 cm; tapestry; photo Beatrijs Sterk

Preisträger der Ausstellung war diesmal der polnische Künstler Pawel Kielpiński für seine Arbeit ‚Steel‘. Was auf Fotos aussieht wie eine verrostete Stahlfläche, ist tatsächlich eine wunderbar gewebte, weiche Oberfläche!

Aino Kajaniemi, Finland: „Millefleur“, 159x x171 cm, tapestry; photo Beatrijs Sterk

Mein Favorit unter den Ausstellungsstücken war ‚Millefleur‘ von Aino Kajaniemi aus Finnland wegen der modernen Interpretation eines mittelalterlichen Millefleur-Teppichs mit einer surrealistischen träumerischen Anmutung.

Dorthe Herup,Norway:“Christening“, 212 x 170 cm, tapestry; photo Beatrijs Sterk

Aber es gab eine ganze Reihe weiterer Arbeiten, die mir gut gefielen, wie das Werk ‚Taufe‘ von Dorthe Herup aus Norwegen. Ich kannte ihre Arbeiten, sah sie jedoch zum ersten Mal im Original. Ihre Tapisserietechnik zeigt Kette und Schuß in wunderbaren Farbmischungen, die an pointillistische Gemälden erinnern.

Peter Horn, Germany:“Who is this by?“,160 x 213 cm, tapestry; photo Beatrijs Sterk

 

Feliksas Jakubauskas, Lithuania: „Gold of Midnight“, 145 x 130 cm, tapestry; photo Beatrijs Sterk

Ebenfalls in einer abgewandelten Tapisserietechnik – im Hinblick auf die Kette – waren die Arbeiten von Peter Horn/D (mit 4 Farben im Schuß) und von Feliksas Jakubauskas/LT, wo mit Schaftwebtechniken gespielt wird. Beide sind Meister ihres Faches, und ihre Arbeiten wären die Reise alleine schon wert gewesen!

Irina Kolesnikova, Russia /Germany: „Sunday morning 1934“,50 x 108 cm, tapestry; photo Beatrijs Sterk

Auch bei der in Deutschland lebenden russischen Künstlerin Irina Kolesnikova sieht man teilweise die Kette. Sie scheint inspiriert zu sein von den koptischen Bildgeweben, die fast unmerklich von Leinwandbindung in die Bildweberei mit bedeckter Kette wechseln. Ihre Arbeit ‚Sunday Morning 1934‘ besteht aus vielen kleinen Teilen, die sich zu einem großen Bild zusammen setzen. Hier ist die Nahansicht ganz anders als die Fernsicht, ein Effekt, der bei der Tapisserieweberei oft vorkommt. Jedes Detail ist ein Gedicht!

Ariadna Donner, Finland: „Lively and Silent“, 134 x 168 cm, tapestry; Photo Beatrijs Sterk

Beeindruckt war ich auch von der Arbeit von Ariadna Donner aus Finnland, die in ihren Tapisserien den Eindruck vermittelt, dass diese weniger ein Bild als vielmehr ein Stück Stoff sind. Die hier ausgestellte Arbeit ‚Lebendig und Still‘ enthält ihre typischen Schriftzeichen, diesmal abstrakt und archaisch, inmitten von Farben, die eine Landschaft vor das innere Auge zaubern.

Margrethe Agger, Denmark: „Looks like Water“, 164 x 126 cm, tapestry; photo Beatrijs Sterk

Ebenfalls mehr Stoff als Bild gestaltete die bekannte dänische Bildweberin Margrethe Agger. Ausgangspunkt für ihre Arbeit ‚Sieht wie Wasser aus‘ war ein Entwurf in Wasserfarben, inspiriert von Wellenmustern eines Japanischen Kimonos sowie Skizzen von weiß-blauen Wellen, erzeugt während einer Schiffsfahrt.

Gunilla Petersson,Sweden: „Landscape“, 110 x 125, tapestry, photo Beatrijs Sterk
Gunilla Nillan Holmgren, Sweden: „Twilight“, 120 x 140 cm, tapestry; photo Beatrijs Sterk

Von den Arbeiten der Weberinnen aus Schweden gefiel mir Gunilla Peterssons ‚Landscape‘ mit der ihr eigenen humoristischen und minimalistischen Bildsprache. Ich bewundere ihre Arbeiten schon seit Jahrzehnten, hatte sie aber nur selten in einer Ausstellung sehen können. Wunderbare Farbverläufe und hell-dunkel-Effekte zeichnen die Arbeit von Gunilla Nillan Holmgreen aus, deren Arbeiten ich noch nie gesehen hatte.

Brita Been, Norway: „Arvestykke /Heritage“,275 x 250cm, tapestry; photo Beatrijs Sterk
Solveig Aalberg; Norway: Passing Through“,398 x 202 cm, flat weave, photo Beatrijs Sterk

Brita Been aus Norwegen überraschte mit einer ganz neuen Art Arbeit, wobei sie Stickereimotive der Volkskunst aus der Telemark stark farbig auf schwarzem Grund gewebt hat. Sie nennt es ‚Gewebte Rosenstickerei‘, entstanden durch einen Auftrag der Provinzverwaltung Telemark.

Den besten Platz in der Ausstellung hatte ‚Passing Through‘, eine sehr große Arbeit von Solveig Aalberg aus Norwegen, gewebt in 5 Teilen in einer Doppelwebtechnik auf einer Kette, was eine aus zwei Lagen bestehende Farbkombination ermöglicht. In ihrem Streifenmuster will die Künstlerin Bewegung und Tiefe erreichen, was ihr eindrucksvoll gelungen ist.

Anet Brusgaard; Denmark: „Rococo“, 140 x 200 cm, tapestry; photo Beatrijs Sterk

Die dänische ETF Organisatorin Anet Brusgaard ist selbst eine großartige Bildweberin, wie sie mit ihrer Arbeit ‚Rococo‘ inspiriert von einem alten Stück Tapisserie eindrucksvoll zeigte. Ähnlich wie bei Brita Been scheint die Umsetzung eines historischen oder folkloristischen Musters um so besser zu gelingen, wenn die Begeisterung über das Original spürbar ist.

 

Kristina Aas & Karina Nøkleby Presttun, Norway: „Flay“, 2017, 154 x 224 cm, Jacquard woven; photo Beatrijs Sterk
Kristina Aas & Karina Nøkleby Presttun, Norway: „me and my Beard“: 154 x 224 cm, jacquard woven; photo Beatrijs Sterk
Dorota Taranek, Poland: White composition with a vertical line“, 150 x 220 cm, jacquard woven; photo Beatrijs Sterk

Von den Jacquardarbeiten gefielen mir die von Kristina Aas/LT und Karina Nøkleby Presttun/N wieder sehr gut, die ich bereits von der Textil Biennale in Rijswijk/Niederlande kannte, weil sie sehr gekonnt mit der Jacquardtechnik umgehen und weil sie ungewöhnliche, sehr persönliche Motive zeigen. Dorota Taraneks Vorgehensweise ist ganz anders. Sie versucht im wahrsten Sinne des Worte eine eigene Handschrift zu entwickeln, wobei sie die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten der Jacquardtechnik maximal ausnutzt. Alle diese drei Künstler empfinde ich als richtige Jacquardkünstler im Gegensatz zu denen, die ihre Arbeit in der Fabrik in Wielsbeke in Belgien machen lassen, wie perfekt auch immer das dort gemacht wird!

Es wären noch mehr interessante Arbeiten zu nennen, die man jedoch am besten selber sehen sollte! Artapestry 5 ist noch bis zum 6. April 2018 in Silkeborg zu sehen, danach in Ronneby/Schweden, Daugavspils in Lettland und Arad in Rumänien. Genaue Termine entnehme man der website: https://www.tapestry.dk

View at Artapestry5 in the Art Centre Silkeborg Bad, Silkeborg, Denmark; photo Beatrijs Sterk
View at Artapestry5 in the Art Centre Silkeborg Bad, Silkeborg, Denmark
Amanda Rizzi, UK:“Sherbert, lemons & soorplooms“, 80 x 165 cm, tapestry; photo Beatrijs Sterk
View at Artapestry5 in the Art Centre Silkeborg Bad, Silkeborg, Denmark
Mette Hansen, Denmark: „Presence“, 192 x 121 cm, tapestry; photo Beatrijs Sterk
Fiona Rutherford,UK:“Find the Ways“, 119 x 121 cm, tapestry; photo Beatrijs Sterk