To Open Eyes -Kunst und Textil vom Bauhaus bis heute

To_open_Eyes_GanzesBildAusstellung vom 17.11.2013 bis 16.2.2014 in der Kunsthalle Bielefeld (Artur-Ladebeck-Str. 5, D-33602). ‚To open eyes‘ geht zurück auf Josef Albers. Die Ausstellungsmacher wollen dem Besucher die Augen öffnen, mit „Material in der Kunst, das mit vielen Vorbehalten belastet ist“… „Unsere Ausstellung sucht in den Gattungsüberschreitungen ein Leitmotiv der Avantgarde des 20. Jahrhunderts darzustellen, um mit Werken die Kategorien und eine Hierarchie von Gattungen in Frage zu stellen“. Kurz gesagt, eine weitere Ausstellung in der Reihe der im vergangenen Jahr in Deutschland und Europa zum Thema Kunst und Textil präsentierten Lehrstücke. Hier hat man sich die Bauhäuslerin Benita Koch-Otte zum Anlass genommen, die in Bethel bei Bielefeld als künstlerische Leiterin der Weberei und dort später als Kunstpädagogin tätig gewesen ist.

 Es ist erfreulich, viel Textilkunst zu sehen, z. B. rund 15 Entwerfer der Wiener Werkstätte, eine große Dokumentation mit Stoffen der Amsterdamer Firma Metz & Co., vor allem von Sonia Delaunay, aber auch von Bart van der Lek und anderen. Die Bauhaus-Zeit ist vor allem mit Arbeiten von Koch-Otte, Gunta Stölzl, Anni Albers etc. vertreten. Als deutsche Textilkunst-Leistungen nach dem 2. Weltkrieg werden Sofie Dawo und Marianne Meyer-Weißgerber gezeigt, Letztere eher eine lokale Grösse. Nicht erwähnt sind Teilnehmer der deutschen Textilkunst-Biennalen der 1970er Jahre. Vor der gesamten Serie der Lausanne-Biennalen ist nur Sheila Hicks vertreten und hier vermutlich nicht einmal in diesem Kontext. Die Auswahl wirkt in Unkenntnis der Materie zufällig und hilflos. Gleichsam ein zweiter Teil der Ausstellung stellt Künstler vor, die sich ohne erkennbare Textilausbildung mit Stoffen, Fäden oder weichen Materialien auseinandersetzen, überwiegend Männer. Von 27 Künstlern sind es acht Frauen: Rosemarie Trockel, Andrea Zittel, Charline von Heyl, Ulla von Brandenburg, Aiko Tezuko, Tracey Emin, Friederike Feldmann und Frauke Eigen. Unter den männlichen Künstlern befinden sich die üblichen Verdächtigen, Leute wie Christo, Palermo, Warhol, Polke, Boetti und – lokal bekannte – wie Friedrich Teepe. Handelt es sich in der ersten Gruppe der Textilkünstlerinnen um mindestens 50 Jahre alte Ausstellungstücke von zum Teil bereits gestorbenen Leuten, so befinden sich unter den Nichttextilern auch jüngere Künstler, darunter Mark Barrow mit dem Geburtsjahr 1982 als der Jüngste. Ist dies nun eine Ausstellung, die man unter dem Signum textiler Kunst gesehen haben sollte? Wer einmal wieder Arbeiten früherer Entwerfer der Wiener Werkstätte, der Bauhaus-Webabteilung, der Metz & Co.-Angebote etc. sehen will, wird bedient. Wer einen Überblick über die Entwicklung der textilen Künste seit dieser Zeit erwartet, wird enttäuscht. Man bemüht sich hier nicht einmal um die jüngeren Jacquard-Weberfahrungen, deren Wertigkeiten man nicht einmal erkennt. Die industrielle Umsetzung von Kiki Smith-Bildern in Jacquardtechnik, an die die Künstlerin keinen Gedanken verschwendet hat, wird hier als ‚Textil‘ missverstanden. Der Einfluss z. B. japanischer Künstler auf die zeitgenössische Kunst mit dem Medium Textil wird überhaupt nicht erwähnt. Es erscheint  dringend notwendig, die textilen Künste gegen dieser Art der Vereinnahmung durch den Kunstbetrieb zu schützen!(siehe auch Katalogbesprechung)