
Nordic Textile Art Meeting in Stockholm und Tallinn: „Making Loops“
Nordic Textile Art (NTA) ist ein Netzwerk, das allen nordischen Textilkünstlerinnen und -künstlern sowie allen an textilbasierter Kunst Interessierten offensteht. Gegründet wurde es 2006 von einer Gruppe von Textilkünstlern in der schwedischen Provinz Bohuslän. Die Initiative ging von der Textilkünstlerin Elsa Agélii aus, die das Fehlen eines Treffpunkts für textile Kunst empfand. Heute ist NTA eine gemeinnützige Vereinigung, die Austausch, künstlerische Entwicklung und Vernetzung fördert.
Seit einigen Jahren versuche ich, keines der jährlichen Treffen zu verpassen. Es ist eine großzügige und offene Gemeinschaft, die bereit ist, Wissen und Ideen zu teilen. Selbst die bekannten Künstlerinnen und Künstler bleiben zugänglich und unkompliziert – vielleicht ein Ausdruck der skandinavischen Haltung, Menschen ohne große Hierarchien zu begegnen, was mir sehr gefällt.
Das diesjährige Treffen bot die Möglichkeit, nicht nur Stockholm, sondern auch Tallinn und Türi in Estland zu besuchen, wo die Frühjahrsausstellung der Estnischen Textilkünstlervereinigung stattfand.
Das Programm begann am 23. April 2026 in Stockholm mit einem Besuch der historischen Seidenweberei und des Museums Almgrens Sidenväveri. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in Stockholm rund zwanzig Seidenfabriken. Knut August Almgren gründete in den 1830er Jahren seine eigene Seidenfabrik und führte die moderne Jacquard-Technik ein, die er der Überlieferung nach aus Frankreich geschmuggelt hatte. Das Lochkartensystem revolutionierte die Weberei und ermöglichte die industrielle Herstellung preiswerter Seidenschals, während gleichzeitig Polsterstoffe und Wandbespannungen für wohlhabende Kunden produziert wurden. Auf dem Höhepunkt der Produktion in den 1870er Jahren stellte die Fabrik jährlich etwa 90.000 Schals her. Heute sind die verbliebenen Jacquard-Webstühle Teil eines lebendigen Museums.
Unser Besuch umfasste Führungen und Vorträge zum Konferenzthema Making Loops. Studierende der Kunsthochschule Konstfack präsentierten ihre Projekte. Karin Kauppi zeigte Arbeiten, die auf den Almgren-Webstühlen entstanden waren, während Elsa Chartin und Frida Hällander über textiles Erbe sprachen.
Später gingen wir an Bord der Baltic Queen und reisten nach Tallinn. An Bord fanden das Konferenzdinner, ein Workshop zur monumentalen Spitzenarbeit unter der Leitung von Anna Segelmann sowie die unterhaltsame Nordische Meisterschaft im Dunkelstricken statt. Die Teilnehmenden hatten zehn Minuten Zeit, im völligen Dunkeln zu stricken – die Siegerin schaffte beeindruckende achtzehn Reihen.
Nach unserer Ankunft in Tallinn besuchten wir zunächst die Ausstellung „Sinane“, die Einzelausstellung der Textilkünstlerin Kadi Pajupu (Professor am Pallas University of Applied Sciences) im Parlamentsgebäude. Pajupu verbindet textile Kunst mit Werkzeugentwicklung und experimentellen Webtechniken. Gemeinsam mit Marilyn Piirsalu entwickelt sie textile Werkzeuge und Verfahren, darunter RailReed und MultiWeave, eine dreidimensionale Webtechnik, die von 3D-Drucktechnologien inspiriert ist.
Anschließend traf sich die Gruppe in der ARS Art Factory zu Vorträgen und Workshops. Aet Ollisaar, professor und Leiterin der Textilabteilung am Tartu Art College, sprach über „Estonian Textile Students Making New Loops“, Kadi Pajupu stellte ihre MultiWeave-Technik vor und Karin Sterner präsentierte „Re-Making, Re-Loop“. Danach folgten Workshops zu MultiWeave, Stickerei und Wiederverwendungs- bzw. Re-Knitting-Techniken.
Am folgenden Tag fuhren wir nach Türi zur Frühjahrsausstellung der Estnischen Textilkünstlervereinigung. Erneut zeigte sich die bemerkenswert hohe Qualität der estnischen Textilkunst – beeindruckend für ein so kleines Land. Auch bekannte Künstlerinnen wie Anu Raud waren vertreten. Estland pflegt, ebenso wie Lettland und Litauen, weiterhin eine starke textile Tradition und ein hohes künstlerisches Niveau.
Ein besonders schönes Erlebnis war ein Slow-Food-Mittagessen in einem alten Landhaus, wo alles mit großer Sorgfalt und in Handarbeit zubereitet worden war – eine Erfahrung, die man als gewöhnlicher Tourist kaum machen würde.
Am Sonntag fand die Jahresversammlung von Nordic Textile Art in einem Atelierkomplex statt, in dem mehrere Künstlerinnen arbeiten, darunter Kadi Pajupu und Marilyn Piirsalu. Anschließend erkundeten wir die Altstadt von Tallinn mit ihren zahlreichen Textilausstellungen, darunter Präsentationen der Bildwebereien von Marilyn Piirsalu und Arbeiten der bekannten Textildesignerin Mare Kelpman. Auch das Designmuseum bot weitere Einblicke in die historische und zeitgenössische estnische Textilkunst.
Am späten Nachmittag gingen wir erneut an Bord der Baltic Queen und fuhren über Nacht zurück nach Stockholm, wo für die Teilnehmenden, die noch länger blieben, ein Zusatzprogramm angeboten wurde.










































