Krystyna Wojtyna-Drouet – Ich existiere nicht für mich selbst
Ausstellung in der Zachęta National Art Gallery, Warschau 20Februar – 4. April 2026
The exhibition I Do Not Exist for Myself is dedicated to the more than seventy-year career of Krystyna Wojtyna-Drouet, one of the key representatives of the Polish School of Textile Art. The occasion is her 100th birthday, celebrated in January 2026. The show presents twenty works created between 1953 and 2018, complemented by rarely exhibited pieces from the artist’s private collection and documentation of her workshop practice.
Für mich persönlich war diese Ausstellung von besonderer Bedeutung. Bereits 1965 begegnete ich in Eindhoven erstmals polnischer Textilkunst – darunter auch Arbeiten von Wojtyna-Drouet. Nun, sechs Jahrzehnte später, der Künstlerin erneut zu begegnen und zu erleben, dass sie noch immer webt, war tief beeindruckend. Sie erschien als eine freudige, bescheidene Persönlichkeit, die etwas von der inneren Freude des Webprozesses an die Betrachtenden weitergeben möchte. Keine konstruierten politischen Parolen, keine programmatischen Botschaften – vielmehr die Vermittlung von Schönheit, Materialerfahrung und sinnlicher Präsenz.
Wojtyna-Drouet studierte von 1946 bis 1953 an der Akademie der Bildenden Künste in Warschau im Atelier von Eleonora Plutyńska. Gemeinsam mit weiteren polnische Textilkünstlern prägte sie jene künstlerische Bewegung, die internationale Anerkennung erlangte – insbesondere nach dem Erfolg der polnischen Beteiligung an der 1. Internationalen Tapisserie-Biennale in Lausanne 1962. Charakteristisch für diese Generation war der experimentelle Umgang mit Material und Form sowie die Betonung der plastischen und texturalen Qualitäten des Gewebes.
Der Webstuhl ist seit ihrem Diplom ihr zentrales Arbeitsinstrument. Das Weben selbst versteht sie als meditativen Vorgang. Sie arbeitet mit naturbelassener, teilweise nicht entfetteter Wolle von Bergschafen, die sie nach traditionellen, von Wanda Szczepanowska überlieferten Rezepturen pflanzlich färbt. Ihre Tapisserien und Kilims entstehen ohne technische Vorzeichnungen – intuitiv, unmittelbar am Webstuhl entwickelt. „Ich benutze keinen malerischen Ansatz“, erklärt sie, „denn es ergibt keinen Sinn, Malerei in der Tapisserie zu wiederholen. Die Form darf nicht gegen den natürlichen Rhythmus der Kettfäden arbeiten.“
Ihre Arbeiten – darunter großformatige Werke wie Alleyway (1962), geschaffen für Lausanne, oder Blooming Hills (1978) – zeigen die stilistische Entwicklung von figurativen Anklängen über abstrakte Kompositionen bis hin zu lyrisch-reduzierten Spätwerken. Auffällig ist der Kontrast zwischen glänzendem Sisal oder Raffia und der dichten, handgesponnenen Wolle – eine Materialbegegnung, die Eleonora Plutyńska als „Reflexion“ bezeichnete.
Die Ausstellung folgt einer prozessualen Perspektive auf das Handwerk: Form entsteht nicht durch die Durchsetzung einer vorgefassten Idee, sondern im Dialog mit dem Material. Weben erscheint hier als Lebensform – als performative Wiederholung von Handlungen: Kette spannen, Wolle färben, täglich weben, das fertige Werk vom Webstuhl lösen. Ergänzt wird die Präsentation durch Färberezepte, Materialproben, Beispiele von Jacquard- und Drucktechniken sowie von der Künstlerin entworfene Kleidungsstücke aus handgewebtem Stoff.
Die internationale Anerkennung von Wojtyna-Drouets Werk wurde wesentlich durch den amerikanischen Sammler J. L. Hurschler gefördert, der sie 1962 in Lausanne kennenlernte. Durch seine Unterstützung und die der von ihm betriebenen Hurschler Gallery in Pasadena gewann sie nicht nur internationale Sichtbarkeit, sondern auch materielle Unabhängigkeit. Diese Freiheit erlaubte es ihr, ausschließlich den eigenen künstlerischen Impulsen zu folgen: „Ich bin frei von Verpflichtungen, und was immer in meiner Vorstellung aufblüht, was immer ich fühle …“
Mit der Gegenüberstellung von fertigen Textilien und Werkstattdokumenten positioniert sich die Ausstellung zugleich im Kontext der aktuellen Wiederentdeckung handwerklicher Techniken. Sie macht ein über Jahrzehnte gewachsenes technisches Wissen für eine jüngere Generation zugänglich. Ein begleitender Katalog, der auf einem 2025 begonnenen Archivprojekt basiert, erscheint während der Laufzeit der Ausstellung.
Für mich bestätigt diese Schau eindrucksvoll, dass das erneute Interesse an Kunsthandwerk auch in Polen zu einer verstärkten Wertschätzung der Handweberei geführt hat. Wojtyna-Drouets Werk steht exemplarisch für eine Haltung, in der Handwerk nicht Mittel zum Zweck, sondern eine Weise des In-der-Welt-Seins ist – still, konzentriert und von großer innerer Freiheit getragen.
Beatrijs Sterk, 28 Februar 2026
PS Einige Bildunterschriften werden später nachgetragen!















